Trotzdem erwarten viele Musiker, dass ihr Xmas-Album bereits im ersten Jahr Gewinne abwirft oder zumindest die Produktionskosten einspielt. “Außerdem ist vielen Weihnachtsalben anzuhören, dass die Musiker und Produzenten sich keine Gedanken über ihre Mitbewerber gemacht haben”, beklagt Daniel Dinkel. “Immer wieder die gleichen altbekannten Weihnachtslieder – das kann vielleicht eine Helene Fischer ihrer Kundschaft zumuten.”
2020 hatte die Münchner Volksmusikantin Andrea Pancur dem Galileo-Chef das Konzept für ihr “Weihnukka”-Album vorgelegt. “Dieses Zusammenspiel von christlicher Weihnachtstradition mit Musik und Texten zum jüdischen Chanukka-Lichterfest hat mich spontan fasziniert. Davon würde ich gerne noch mehr auf dem Galileo-Label veröffentlichen.” – Dazu kam es leider nicht. Andrea Pancur starb unerwartet 2023.
Auch als Wildes Holz (Blockflöte, Gitarre, Kontrabass) ihm 2013 “Wilder die Flöten nie klingen!” anbot, griff Daniel Dinkel zu. Mit der gleichen Punk-Attitüde entweihte das Holzinstrumente-Trio 2017 auf dem Live-Album “Alle Jahre wilder” endgültig jeglichen Rest von christfestlicher Nostalgie.
Die geringe Ausbeute des Weihnachtsplatten-Jahrgangs 2024 hat zwei Gründe. Einen davon kennt Rainer Kahlreyss, CEO des Tonträger-Vertriebs Klassik Center Kassel (KCK), nur zu gut. Obwohl sich sein CD- und LP-Angebot vorwiegend auf E-Musik konzentriert, sind seine Erfahrungen auch für Jazz- und Pop-Musiker nützlich? Der KCK-Chef erinnert sich an die 1990er Jahre: “Damals riefen die Plattenhändler im August bei uns an und fragten nach dem weihnachtlichen Neuheiten. Im Oktober bestellten sie dann die ersten Titel, die für das Weihnachtsgeschäft geeignet waren.“
Der Kirchenkalender und andere christlich-abendländisch geprägte Zeitvorgaben spiegeln sich heute kaum noch wider auf den Bestellzetteln der wenigen verbliebenen Plattenhändler. Rainer Kahlreyss: “Johann Sebastian Bachs ‘Matthäus-Passion’, die eigentlich für die Karwoche geschrieben wurde, oder Georg Friedrich Händels ‘Messiah’ stehen immer öfter ab Mitte November in den Weihnachtsplatten-Verkaufsregalen.” Als weiteren Trend hat der KCK-Chef beobachtet: „Die Endverbraucher fragen heute vor allem nach repräsentativen Weihnachtsgeschenken, bei denen die aufwendig gestaltete Verpackung und der musikalische Inhalt nicht unbedingt einem religiösen Anlass entsprechen müssen.“
Auf den begehrten Raum in den Schaufenstern der damals noch zahlreichen Plattenläden zielte 1998 thematisch punktgenau „Der Musikalische Adventskalender“ des Tacet-Labels, das der Stuttgarter Tonmeister Andreas Spreer 1989 gegründet hatte. Susanne Meißner-Schaufelberger (Alt-Sopran) und die Aurelius-Sängerknaben aus Calw nahmen dafür 24 Werke auf, die sich für eine audiophile Morgenmeditation eignen.
Der Erfolg dieser CD ermutigte den Tacet-Labelchef zu einem weiteren Album, dessen 24 Tracks ebenfalls auf die Adventstage verteilt abgehört werden sollen. Dabei verführt „Der neue Musikalische Adventskalender“ mit Musik aus verschiedenen Weltregionen und unterschiedlichen Stilepochen – vom plattdeutschen „Slaap, mien Kind“ bis „A Christmas Carol“ des für seine Experimentierfreude bekannten US-Amerikaners Charles Ives – nicht nur in der (Vor-)Weihnachtszeit zum kompletten Abhören.
Doch sogar diese zwei Bestseller, die durch ihr Repertoire und vor allem wegen der Nutzungsanweisung „ein Musikstück täglich“ auf beinahe den kompletten Dezember zielen, machen irgendwann den Frühjahrsneuheiten Patz. Wenn die letzten Geschenkgutscheine eingelöst sind, werden sämtliche Weihnachts-Saisonartikel an ihre Lieferanten retourniert.
Im Jazz-Verkaufsregal liegt bislang noch kein klingender Adventskalender vor. Doch eine andere Möglichkeit, das Zeitfenster für Weihnachtsplatten-Abverkäufe zu vergrößern, wird zunehmend genutzt. Viele Jazz-Musiker haben in den vergangenen Jahren CDs mit anheimelnd warmen Klängen produziert, die zwischen den ersten Adventstagen und dem Beginn des neuen Frühlings zum Einkuscheln verführen.
Der schwedische Pianist Jacob Karlzon fand Inspirationen für seine „Winter Stories“ nicht nur in der skandinavischen, angelsächsischen und osteuropäischen Weihnachtsmusiktradition. Mit seiner Improvisation über Taylor Swifts Ballade „Evermore“ versöhnt sich der Schwede auf diesem Album auch mit all jenen Hörern, die von Jacob Karlzon ein wenig mehr Kuschel-Jazz erwartet hätten.
Alexandra Nepomnyashchaya und Richard Egarr sind besser bekannt als das Duo Pleyel. Auf „Yuletide Treats“ präsentierte das Pianisten-Ehepaar 2024 mit zupackendem Gestus ein Repertoire für die Yuletide – eine in Skandinavien gebräuchliche Bezeichung für jene anheimelnd dunkle Zeit, in der Advent, Weihnachten, das Channukafest und von den orthodoxen Christen der Dreikönigstag gefeiert werden. Franz Liszts "Weihnachtsbaum-Suite" markiert die intim zarten Momente des Albums. Im Finale protzt und prunkt das Duo Pleyel mit zwei Strauss-Silvesterkrachern: "Blaue Donau" und "Radetzkymarsch" – der Booklet-Text fordert den CD-Hörer auf, er möge diese Neujahrsgrüße „bei hoher Lautstärke und mit einem großen Glas eines köstlichen Getränks“ genießen.
Ellis Marsalis zog 2023 beim „New Orleans Christmas Carol“ alle stilistischen Register, die einem Pianisten aus der Jazz-Geburtsstadt zur Verfügung stehen. Sein für jeden einzelnen Track sorgfähtig ausgewähltes Begleitpersonal beherrscht eine große stilistische Bandbreite – von besinnlichen Momenten („O Holy Night“) und einer mit betont schnoddriger Nightclub-Attitüde verswingten „Silent Night“ bis hin zum „Little Drummer Boy“, der mächtig auf die Pauke haut und die Wände im Stall von Bethlehem wackeln lässt.
Als Klassikpianist hinterfragte Martin Stadtfeld 2024 auf seinem „Christmas Piano II“ zum zweiten Mal den weihnachtlichen Repertoireschatz. Seine Interpretationen lassen kaum noch erkennen, ob das jeweils gespielte Werk urprünglich im E- oder U-Bereich angesiedelt war. Bei Irving Berlins „White Christmas“ lauscht der Pianist genießerisch einer Tiefgründigkeit nach, die wohl nicht einmal der Songwriter selbst dieser Xmas-Schnulze zugetraut hätte. Gleich daneben steht Johnann Sebastian Bachs „Wie schön leuchtet der Morgenstern“, das am Steinway mit virtuoser Leichtgängigkeit zum aufputschenden Kabinettstückchen hochgeschaukelt wird. Weil Martin Stadtfeld hier ständig einen Überraschungsmoment an den nächsten reiht, verdient sein Xmas-Album den Warnhinweis: Dieses Produkt wurde irrtümlich als Weihnachtsplatte angeboten, das Abhören zwischen 18 und 22 Uhr am 24. Dezember eines jeden Jahres ist nicht zu empfehlen. Doch für die übrigen 364 Tage des Jahres bietet er mit diesem Album einen Hörgenuss voll von inspirierten Momenten.
Eigentlich auch ein Klavieralbum ist “Merry Harmonica” des Mundharmonikaspielers Konstantin Reinfeld. Die hörenswerten Akzente werden auf diesem Album vom Pianisten Benyamin Nuss gesetzt. Hier und da verführen auch die Gesangstimmen von AlmaNaidu und Marc Marshall zum Hinhören. Konstantin Reinfelds Bluesharp-Interpretationen der “Silent Night” und von Lennons “Merry Xmas” haben dagegen bestenfalls Kuriositätenwert.
Eine hohe Messlatte für weihnachtlichen Gitarrenjazz legte 2024 Jan Bierther mit ”El Gordo Jazz Christmas” auf. Seine Instrumental-Version von “Santa Baby” klingt beinahe fast so verrucht wie die jene 1953er Original-Einspielung, auf der die barrique-ausgebaute Schlafzimmerstimme einer Eartha Kitt den Weihnachtsgeschenke-Lieferanten anhimmelte. Sonderapplaus für Jan Bierthers Idee, die “Stille Nacht” als Bottleneck-Gitarrenblues zu interpretieren.
Seit 2019 bietet sich „I'll Be Home For Christmas“ von der New Orleans Jazz Band of Cologne als die genau richtige Backgroundmusic für qietschvergnügte Xmas-Nostalgiepartys an. Auf diesem klanglich ausgewogenen Konzertmitschnitt aus dem Schloss Bad Homburg verswingt das deutsch-belgisch-niederländische Ensemble mal ein wenig betulich, dann wieder mit Hotjazz-Schalk im Nacken die „Jingle Bells“ und anderes überwiegend unchristliches Repertoire für die von Santa Claus regierte Zeit des Jahres.
Nicki Parrott hatte 2012 einen audiophilen Standard für Jazz-Gesang markiert. Damals widmete die Australierin jeweils ein komplettes Vinyl-Opus den einzelnen Jahrenzeiten. Aufgenommen wurden diese vier Alben für Venus Records – einem Label, das der ehemalige RCA-Produzent Tetsuo Hara 1992 in Tokio gegründet hatte. Auf Nicki Parrotts 180g-Longplayer „Sakura Sakura“ – benannt nach einem japanischen Frühlings-Kinderlied – folgte „Summertime“, für das Georg Gershwins Immergrün den Albumtitel geliefert hatte. Zusammen mit den von herbstlicher Melancholie geprägten „Autumn Leaves“ und dem eher zum sanft wärmenden Kaminfeuer passenden „Winter Wonderland“ wurden sie inzwischen auch auf einer Doppel-CD veröffentlicht.
Die österreichische Jazz-Sängerin Simone Kopmajer schöpfte für “Home for Christmas” erfrischend ungeniert einen größtmöglichen Song-Vorrat aus. Neben “Süßer die Glocken nie klingen” präsentiert sie “Let It Snow” und andere Weihnachtsklassiker aus dem Great American Songbook. Dazu noch das eigentlich verdammt gotteslästerliche “Hallelujah” des kanadisch-jüdischen Singer-Songwriters Leonard Cohen, das inzwischen zum christfestlichen Pflichtrepertoire zu gehören scheint. Doch am glaubwürdigsten klingt Simone Kopmajer, wenn sie auf diesem Xmas-Album ihrer Heimatverbundenheit freien Lauf lässt und die heimliche Nationalhymne der Steiermark rehabilitiert – jenen “Erzherzog Johann Jodler”, den die meisten Nicht-Österreicher nur als Running Gag aus Loriots “Jodeldiplom”-Sketch kennen und lieben.
Die zwischen Carl Orff und Folkjazz angesiedelte Unterbiberger Hofmusik bewies 2024, wie zart und einfühlsam sich ein weihnachtliches Liedgut auf Blechblasinstrumenten interpretieren lässt. Diesbezüglich unnachahmlich klingen “Leise rieselt der Schnee” und “Still Still”. Als Finaltrack für seinen Longplayer “Zeitenspiel” wählte das Bläser-Ensemble jenen “Andachtsjodler”, der bei Beerdingungen im Salzburger Land immer dann erklingt, wenn der Sarg in die Grube gelassen wird. Dieses niemals in falsche Frömigkeit abgleitende Xmas-Album empfiehlt sich auch als ganzjahrestaugliche Meditationsmusik.
Weitere Improvisations- und Bearbeitungvorlagen aus den Alpen, die auf ihre Jazz-Verwertung warten, sind zu hören auf dem 2024 wiederveröffentlichten „Christmas in the Austrian Alps“. Diese 1996er Produktion zeigt angenehm unaufgeregt den Reichtum des weihnachtlichen Musikbrauchtums in Österreich: andächtige Jodler und Bläserweisen, tänzerische Geigenklänge, entspannt familiäre Stubenmusik und einige von urwüchsiger Weihnachtsfreude erfüllte Chorgesänge.
Während das altbekannte Xmas-Repertoire bereits weitgehend “abgegessen” ist, bietet Peter Tschaikowskis „Nussknacker“ noch immer genügend Rohstoff für Jazz-Improvisationen und -Arrangements. 1960 nahmen Duke Ellington und sein Orchester eine mit spritziger Leichtgängigkeit swingende Version dieser Märchen-Ballettmusik auf die seit ihrer Premiere 1892 jedes Jahr im Dezember weltweit zum sinfonischen Pflichtprogramm gehört. Duke Ellingtons Haus-Arrangeur Billy Strayhorn hatte aus dem Tschaikowski-Evergreen ein Crossover-Standardwerk gestaltet.
Duke Ellingtons Album fasziniert heute noch als opulente Bigband-Klangmalerei. Die Die 2018 in Mannheim gegründeten South West Oldtime All Stars legten 2024 mit ihrem auf Septett-Format reduzierten “Celebrating The Duke - Nutcracker Suites“ eher die Hotjazz-Tauglichkeit der Strayhorn-Arrangements frei.
Falls ein Jazz-Ensemble planen sollte, den Tschaikowski-„Nussknacker“ zusammen mit einem Erzähler aufzunehmen, sollte es sich vorher unbedingt die 2024 veröffentlichte Einspielung des WDR-Sinfonieorchesters anhören. Christian Brückner, dessen Stimme bereits Robert De und andere Hollywood-Ikonen synchronisiert hatte, verführt mit seiner Stimme bei dieser Aufnahme die Kinder wie auch die Erwachsenen zum andächtigen Lauschen auf dem Plüschsofa.
Der Berliner Avantgarde-Komponist Boris Bergmann hatte seinen Vater einst gebeten, für seine Klavierschüler einige “smooth” klingende Xmas-Arrangements zu schreiben. 2024 wurden Richard Bergmanns “14 Weihnachtslieder – jazzig arrangiert für Klavier” veröffentlicht von dem ansonsten eher auf Chormusik spezialisierten Eres Musikverlag. “Mein Vater war lebenslang ein leidenschaftlicher Arrangeur. Er arbeitete mehr als 30 Jahre lang für die HR Big Band. Und mit der gleichen Begeisterung hat er dieses Notenbuch fertiggestellt. Es wurde sein letztes Werk, das leider erst nach seinem Tod veröffentlicht werden konnte.” Auf einem Tonträger waren diese Jazz-Bearbeitungen bislang noch nicht zu hören.
Jene Jazz-Musiker, die sich lieber im Nachlass der Beatles bedienen wollen, bitte ich hiermit inständig: Auf keinen Fall schon wieder John Lennons “Merry Xmas – War Is Over” und auch nicht “Imagine there’s no heaven … and no religion, too”! Dann doch bitteschön seine Mitgröl-Hymne “Give Peace A Chance”, die noch immer auf ihre Weihnachtsplatten-Premiere wartet. Noch angenehmer könnte Oder George Harrisons “Little darling, I feel the ice is slowly melting … here comes the sun” auf einem Xmas-Album überraschen.
Wer stattdessen lieber Otto Brauns “Weihnachten 1915” (“Zum ersten Mal, seit ich die Waffen nahm, hat mich die Sehnsucht sonderbar betroffen …”) für eine Jazz-Produktion verwenden möchte, riskiert allerdings, dass bis Weihnachten 2025 sämtliche Kriege auf dieser Welt beendet worden sind. Hoffentlich!
Doch egal, ob die Songs auf einem Xmas-Produkt den Zeitgeist treffen oder nicht – der KCK-Chef Rainer Kahleyss warnt: “Niemand sollte von einem Weihnachtsalbum erwarten, dass eine CD oder Vinylscheibe oder ein Download-Track bereits im ersten Jahr die Produktionskosten einspielt.” – Davon lässt sich kein Musiker entmutigen, falls er einen langfristigen Karriereplan vorweisen kann. Schließlich wurden viele Xmas-Musikproduktionen – im Gegensatz zum Weihnachtsgebäck, das im Frühling nicht mehr genießbar ist – nach mehreren Reifejahren vom Publikum wahrgenommen und wertgeschätzt.
Bleib in Schwingung!
Winfried Dulisch
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