Die Experimentier- und Spielfreude des 1945 in Jerusalem geborenen Blues-Barden ist ungebrochen. Nur die Arbeitsbedingungen für Straßenkünstler haben sich geändert – zum Guten wie zum Schlechten.
„In den 1970ern riefen viele Ladenbesitzer noch die Polizei, wenn ich mit der Gitarre vor ihren Schaufenstern stand. Aber das Publikum stimmte mit den Füßen für meine Musik ab. Wenn ich den Gitarrenkoffer auf dem Bürgersteig auspackte, bildete sich sofort ein Kreis von Zuhörern um mich herum. Und schon kamen die ersten Plattenwünsche: ‘Hey, spiel mal was von Muddy Waters!‘ oder so ähnlich. Hamburg ist nun mal eine blues-affine Stadt.“
Und heute? – „Die Straßenmusik hat sich von einer Lärmbelästigung, die den Geschäftsbetrieb störte, zur willkommenen Belebung der Innenstädte gemausert. Ab und zu bringt mir sogar eine Verkäuferin einen Becher Kaffee, obwohl ich ihr ansehen kann, dass sie garantiert kein Blues-Fan ist.“
Aber ebenso wichtig ist für Abi Wallenstein außerhalb von Clubs und Konzertsälen „die spontane Kommunikation mit zufällig vorbeikommenden Musikern. Ein Plausch im Café. Der Austausch von Erfahrungen, Informationen oder Adressen und andere gute Gespräche, die nur auf der Straße zustande kommen.“
Um sicher zu gehen, telefoniert Abi Wallenstein vor jeder Street-Performance mit dem Ordnungsamt. „Aber die wollen heute nur noch den Ort und die Zeit meines Auftritts wissen. Manchmal schlagen sie mir sogar einen guten Platz vor, an dem schon viel zu lange kein Straßenkünstler mehr gastierte,“
Bedauerlich findet Abi Wallenstein diese Entwicklung: „Handgemachte Musik ist zurzeit nicht in Mode – zumindest nicht auf der Straße. Meine Club-Konzerte sind ständig ausverkauft. Und diese Clubs sind immer noch voll mit Menschen. Diese Zuhörer wissen unsere ‘Nischenmusik‘ zu schätzen. Und weiterhin sitzen Kulturvereine, Privatpersonen, Veranstalter und Clubbesitzer mit uns Musikerin einem Boot und sorgen dafür, dass die Ergebnisse unserer Arbeit auch tatsächlich gehört werden.“
Auf der Straße muss ein Künstler ohne all diese Unterstützer arbeiten. „Außerdem bleibt das Publikum draußen oft nur noch stehen, wenn ein Straßenmusikant ein paar große Lautsprecherboxen aufbaut und seine Show mit computergenerierten Techno-Grooves untermalt.“
Trotzdem – oder gerade deswegen – empfiehlt Abi Wallenstein allen Musikern die Straße als Betätigungsfeld; „Auf dieser Bühne gibt es keine Vorankündigung. Keine Mikros. Keine elektrische Verstärkung. Keine Scheinwerfer. Und genau hier öffnet sich eine Tür zu richtiger Freiheit, Ungebundenheit, Unabhängigkeit.“
Haben heutige Jazz-Musiker in diesem Umfeld überhaupt eine Chance? – „Ich bewundere meine Jazz-Kollegen, die für ein konzentriert lauschendes Publikum mit introvertiertem Gestus ihre Musik präsentieren. Auf der Straße musst du aber ständig auf deine Zuhörer achten und extrovertiert arbeiten.“
Zum Glück galt für sämtliche Blues-Musiker – obwohl sie für einige Hörer doch nur die altbekannten zwölf Takte variieren – immer schon diese Regel: Eine stehende Uhr zeigt zweimal am Tag die richtige Zeit. „Nur schade, dass die Uhr selbst nicht weiß, wann diese Zeit mal wieder gekommen ist.“
Doch der nächste Blues-Boom steht in den Startlöchern. Dafür testet Abi Wallenstein bereits neues Repertoire. „Und zwar auf der Straße. Denn sie darf auf keinen Fall wieder zum Marschieren missbraucht werden.“
Text: Winfried Dulisch
Fotos: Ellen Coenders, Friedrun Reinhold, Kay Winter
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