Winfried Dulisch verband seine Pfingstgrüße 2024 mit einer ketzerischen Forderung

Die Jazz-Musiker sind dazu berufen, die Kirchen wieder mit Leben zu erfüllen. Der Deutsche Musikrat soll endlich überregional das Management übernehmen für diese Kultureinrichtungen, die von ihren jetzigen Betreibern längst nicht mehr dem Willen Gottes entsprechend bespielt werden.

Erstens bin ich ein Agnostiker und frage mich nicht, ob ein Gott existiert. Zweitens bin ich Jazz-Fan. Es geht mich also nichts an, wenn 2024 in der Woche vor Pfingsten der Deutsche Musikrat (DMR) und zehn weitere Interessenvertreter aus den Bereichen Denkmalschutz, Baukultur und Kunstgeschichte in ihrem gemeinsamen „Kirchenmanifest“ fordern: „Kirchen sind Gemeingüter. Für ihren Erhalt bedarf es einer neuen Verantwortungsgemeinschaft von Staat, Kirchen und (Zivil-)Gesellschaft.“

Zunehmender Zweifel an der Existenz Gottes taugt nicht als Begründung, wenn wir die – oft viele Jahrhunderte alten – christlichen Sakralbauten verkommen lassen. Von den mystischen Gesängen einer Hildegard von Bingen (1098-1179) über Bach, Mozart, Schubert, Brahms bis hin zu heutigen Liturgiemusik-Schaffenden waren imposante Kathedralen wie auch kleine Andachtskapellen immer ein Ort der Pflege und Weiterentwicklung von Musik, die sich dem weltlichen Trubel verweigert. Parallel zur christlichen Liturgiemusik entwickelte sich in deutschen Synagogen die sogar mehrere Jahrtausende alte jüdische Musikkultur weiter – eine Entwicklung, die in der Pogromnacht des achten November 1938 brutal unterbrochen, aber nicht für immer beendet wurde.

Zweitens bin ich ein Fan jener Musik, die in meiner Seele Saiten anzupft, die nur den Jazz-Musikern bekannt sind. Um diese Zwischentöne genießen zu können, habe ich vor meinem Schreibtisch eine naturbelassen klingende Hifi-Anlage platziert. Aber Life is Live. Und weil das Leben und die wohl lebendigste aller Musikspielarten, der Jazz, sich erst live so richtig entfalten, besuche ich Konzerte – und werde vor allem in Jazzclubs oft genug von hochsensiblen Musikern mit Klangmüll aus überdimensionierten Verstärkeranlagen abgespeist.

Der Besitzer einer Nobeldisco gab mir die nachvollziehbare Begründung für den miserablen Sound in seinem Etablissement: „Ein gastronomischer Betrieb erwirtschaftet den größten Gewinn, wenn die Musik nur im Suff zu ertragen ist. Ich habe es einen Abend lang versucht, meine Gäste mit angenehmem Wohlklang zu verwöhnen – der Umsatz ging zurück. Als ich die Tanzfläche wieder mit verzerrtem Lautsprecher-Klang beschallte, honorierte das Publikum diesen Service mit höherem Getränkeverzehr.“ Dieses Ballermann-Erfolgsgeheimnis haben einige Musiker – meistens unbewusst und unwissentlich – von den eher am Getränkeumsatz als am Jazz interessierten Club-Betreibern übernommen.  

Auch aus einem anderen Grund verlieren manche Musiker Im Jazzclub-Alltag ihr Gespür für Hall, Echo, Dynamik-Entwicklung und andere Klangparameter, die am Mischpult feinreguliert werden können. Wenn sie dann in einem genussvoll nachhallenden Kirchenraum auftreten, vergraulen sie manchmal ihre Zuhörer mit einem unausgewogenen Klang. Damit lassen ausgerechnet die als weltoffen geltenden Jazzmusiker viele künstlerische und soziokulturelle Chancen ungenutzt.

Der in Sachsen-Anhalt lebende Blues-Sänger Pit Kyas erinnert sich an positive Schocks, die er bei Kirchenauftritten erlebte: „Hier lauschen die Zuhörer mit Respekt. Wenn sie dann plötzlich aufspringen und beinahe schon andächtig miteinander tanzen, muss ich manchmal vor Rührung eine Träne runterschlucken. So ähnlich habe ich das in einem Jazzclub-Ambiente bislang nicht erlebt.“
DMR-Präsident Prof. Martin Maria Krüger nennt in der „Kirchenmanifest“-Pressemitteilung weitere Gründe für die Forderung seines Dachverbandes, der die Interessen von 15 Millionen musizierenden Menschen in Deutschland vertritt: „Die Kirchenbauten sind nicht nur Heimat eines großen Teils der etwa 50.000 Orgeln in Deutschland, sie sind auch zentrale Orte des musikalischen Lebens, des Zusammenkommens unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen, nicht zuletzt der Teilhabe – und das weit über ihre Funktion im liturgischen Kontext hinaus!“

Ein Kirchenraum kann sogar noch mehr leisten. Der indische Guru und Mystiker Meher Baba (1894-1969), von dessen Lehren sich der als ewiger Avantgardist verehrte John Cage (1912-1992) sowie der Who-Gitarrist Pete Townshend inspirieren ließen, sagte für das 21. Jahrhundert voraus: Musik übernimmt die einstige Bedeutung der Religionen. – Und wo könnten die Musiker noch angemessener die ehemals den Priestern vorbehaltene Rolle spielen als in einer zur weltlichen Kultureinrichtung umgewidmeten Kirche?

Zahlreiche Kirchengemeinden organisieren in ihren Gotteshäusern bereits für Kultur-Veranstaltungen – zur Freude der auftretenden Künstler. Denn Sakralbauwerke machen die ganze Fülle eines Moments voller Schweigen hörbar und sogar körperlich spürbar – dafür wurden sie schließlich von eigens darauf spezialisierten Baumeistern entworfen. Im Tagesgeschäft eines Konzert-Cafés oder Jazz-Clubs ist das innehaltende Schweigen der Akteure auf der Bühne ein unangenehmes Störgeräusch für die Zuhörer.

Die für Kirchenkonzerte verantwortlichen Entscheider bringen zumeist eine hohe seelsorgerische Qualifikation mit, sie verfügen aber oft über geringe Eventmanager-Kenntnisse. Deshalb sind ihre Entscheidungen manchmal schwer nachzuvollziehen. Bedenke, Mensch, dass eine Möchtegern-Jazzdiva, die mit Leonard Cohens gotteslästerlichem „Hallelujah“ schon mehrere Hochzeitsgesellschaften zum innigen Schluchzen verführt hatte, noch lange kein Rising Star ist.

Drittens bin ich ein Fan jener kulturellen Vielfalt, die von der Bibel als eine Strafe Gottes dargestellt wird. Weil die Menschen durch den Turmbau zu Babel ihrem Schöpfer ähnlich werden wollten, erfand er viele Sprachen und Kulturen, damit seine Geschöpfe nicht mehr miteinander kommunizieren konnten – siehe Buch Genesis, Kapitel11,1-9. Zu Pfingsten schickt dieser Gott nun seit knapp 2000 Jahren den Heiligen Geist auf die Erde hinunter und lässt die Menschen in Fremdsprachen reden, die ihnen bislang unbekannt waren. Er beseitigte damit alle Missverständnisse auf Erden und schuf gleichzeitig ein neues Unheil: Im Mittelalter plünderten und mordeten die Kreuzritter im Orient, in Übersee rotteten später die Conquistadores im Namen des Christentums unvorstellbar viele Kulturnationen aus.

Stilprägende Jazz-Ikonen hatten beim spielerischen Umgang mit der Babylonischen Sprachverwirrung eine Kommunikationsform entwickelt, die weltweit verstanden wird und das Gottesurteil außer Kraft setzt. Weil die meisten Jazz-Musiker sich allerdings als Manager ihrer eigenen schöpferischen Tätigkeit oft genug als unfähig erwiesen haben, schlage ich für das Kirchenprogramm-Management diese Lösung vor: Religionsgemeinschaften, die in ihren verkrusteten Strukturen erstarrt sind, sollten das Feld räumen für den DMR. Denn diese Interessenvertretung hat sich „mit Blick auf die Bedeutung der Kirchen als Konzertorte und auf die wichtige Rolle, die Musik in Religionen und Kirchen unter anderem  im Bereich der Amateurmusik und im sozialen Kontext spielt“ (Zitat Ende) als vertrauenswürdiger Koordinator für das flächendeckende Großprojekt „Jazz in der Kirche“ bestens empfohlen.

Text: Winfried Dulisch

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